Am Vorabend des Unabhängigkeitstages von Guatemala

Heute am Vorabend des Unabhängigkeitstages in Guatemala mache ich mir mal wieder Gedanken zum Thema Identität. Hier ist es Brauch, dass Schulklassen und Vereine, Kirchengemeinden, Sportclubs und Gruppen von Freunden oder Familien sich auf denWeg ins Stadtzentrum zum machen, um aus dem Präsidentschaftspalast das Feuer der Freiheit abzuholen. Konkret zieht man sich in den Nationalfarben an: hellblau und weiß. Dann nimmt man seine aus Blechdosen und Besenstiel erstellte Fackel, gefüllt mit in Benzin getränkten Stoffresten und dann lässt man sich in Luftballon behangenen Autos oder Bussen zum Zentrum fahren.


Und dort starten dann die Gruppen, im Geleit die geschmückten Autos und Wassertütchenwerfer (nicht vergessen, Laufen ist anstrengend und Guatemala ist ein warmes Land und man muss sich rehydrieren), jede einzelne in Richtung ihres Stadtviertels oder Vorortes oder auch von weiter weg. Teilweise rennen die Jugendlichen, Seite an Seite mit Eltern, Lehrern, Onkeln und Großeltern die ganze Nacht durch...Deshalb ist heute einerseits in Guatemala ein Tag, an dem Verkehrschaos vorprogrammiert ist, man sollte also unbedingt genug Benzin im Tank haben, um nicht einfach irgendwo stehen zu bleiben. Aber gleichzeitig ist es auch ein Tag, an dem die Guatemalteken Zusammenhalt zeigen: dieser Befreiungslauf ist symbolisch zu verstehen. Nach der Befreiung von den Spaniern wurde das Feuer als Zeichen der Freiheit bis in die letzten Ecken des Landes getragen...
Und heute ist eben ein Tag, an dem das Feuer wieder durch die Straßen getragen wird, der 193 genauer gesagt. Ein nicht ganz umweltfreundlicher Brauch, aber eben ein Brauch, der Nationales Bewußtsein zeigt, in einem Land in dem es sonst recht gefährlich ist durch die Straßen zu laufen...in dem das Verständnis von Freiheit ein ganz anderes ist, als in Deutschland...
Ich schaue mir diese Fackelmärsche gerne an. Denn trotz aller Gefahr, Kriminalität, ökonomischen Problemen, der Armut und der fehlenden Bildung im Land sind die Guatemalteken stolz auf ihr kleines Land, halten zusammen und feiern auf den Straßen ihre Nationalfeiertage...und sind immer fröhlich und ausgelassen... da kann es auch ruhig wie aus Kübeln regnen... das hält niemanden ab.
Und dann denke ich, dass ist doch was, was wir Deutschen lernen können... fröhlich und ausgelassen und auch ein wenig stolz zu sein auf unser Land, welches weit weniger Probleme hat...

Kommentare:

  1. Oh ist das nett!
    Vielen Dank für den schönen und interessanten Bericht. Ich habe auch gar nicht gewusst, dass man zu den Einwohnern Guatemalas "Guatemalteken" sagt.
    Wie recht du hast: fröhlich, ausgelassen und stolz zu sein... das vermisse ich auch bei uns Österreichern oft.
    Einen schönen Feiertag wünscht alibert

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    1. Den hatten wir ;) Es gibt immer einen großen Umzug mit um die 100 Spielmannzügen durch den Zentralpark. Den wollten wir uns ansehen... haben wir auch, im strömenden Regen... aber es war lustig!

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  2. Feliz dia de independencia! Auch wenn es schon ein paar Tage her ist...
    Ich lese deine Guatemala-Berichte immer sehr gerne und fühle mich an meine eigene Zeit in Guatemala erinnert. Ich habe mal einige Monate in Guatemala gelebt und gearbeitet. Die Zeit möchte ich auf keinen Fall missen. Auch wenn es schon 10 Jahre her ist, wie ich gerade mit Erschrecken feststelle, habe ich immer noch etwas 'Heimweh'. Ich habe die Ayudantes der Camionetas noch im Ohr: "Guate, Guate, Guate!"
    Also liebe Grüße nach Guate, Mareike

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    1. Hallo liebe Mareike, na das freut mich ja. Ich kannte auch mal eine Mareike, die in Guatemala war...sie wohnte in San Pedro el Alto ;) Ja, manchmal kann man Heimweh bekommen... Zum Bus sage ich nur "corranse, corranse...caben tres, caben ciiiiinco!"
      Liebe Grüße aus Guatemala!

      Jasmin

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